Tag 17 : Erste Reihe -> Melissa Beach


volltreffer!


Song des Tages: „Two fingers“ Jake Bugg


 „Freiheit bedeutet nicht, tun und lassen können, was man will – sondern nicht tun zu müssen, was man nicht will!“
Jean-Jaques Rousseau


„...So I kiss goodbye to every little ounce of pain,
     light a cigarette and wish the world away.
    I got out, I got out, but I‘m here to stay.
    So I hold two fingers up to yesterday,

    light a cigarette and wish the world away.
    I got out, I got out, but I‘m here to stay. ...“
       

Aber schon bei meinem zweiten Frühstück bin ich mürbe. Ich habe keine Lust mehr, als Fernseh-Ersatz zu dienen! Aber habe definitiv auch keine Lust, diesen Strand, dieses sanfte Meer, die leckere Taverne, die tollen Duschen, meinen schönen Stellplatz aufzugeben. Ich mag grad nicht weg und mag auch nicht fahren. Aber das unaufhörliche Geglotze nervt mich so sehr, dass ich nach meiner morgendlichen Paddel-Runde spontan zusammen packe.

Sehr schlecht gelaunt mache ich mich auf den Weg. Es nervt. Ich sehe Müll und Dreck am Straßenrand, scheußliche Ortschaften, langweilige Ebenen und das Meer verschwindet aus meinem Blick, weil die Straße zu weit im Landesinnern verläuft. So finde ich natürlich keinen Strand-Frappé! Ich habe keine Sicht! Ich werde am Supermarkt das erste Mal angebettelt, mir ist zu heiß, es ist zu voll, ich mag hier nicht sein! Und selbst meine Musik nervt. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht straight nach Patras fahren und die Fähre nach Hause nehmen soll. Fast drei Wochen bin ich jetzt unterwegs. Reicht das nicht? Ich bin so genervt, dass ich die Musik ausschalte und stur die Straße entlang blicke auf der Suche nach dem nächsten Camping-Platz, um von dort am nächsten Morgen zur Fähre zu fahren. Mir egal, wo, mir alles egal! Ich fahr jetzt heim.

Der erst mögliche Platz: ich parke wie üblich vor der Schranke, um zu Fuß den besten Stellplatz zu suchen. Strammen Schrittes schlappe ich über den riesigen Platz: es ist nicht schlecht hier, schattig, Strand, sauber, sogar Pool. Aber der Nerv verstärkt sich, ich fühle mich irgendwie beklemmt, eingeengt, unwohl hier an diesem Ort. Ich spüre deutlich: hier zu bleiben täte mir nicht gut – schnell weg! Ich bin schweißgebadet, alles klebt an mir, ich will Ruhe, Wasser, Kühle. Die Straße kommt mir unendlich vor, unendlich langweilig und ich unendlich langsam. Es ist das erste Mal, dass ich lieber schneller fahren würde, als Franz kann. Ich will einfach nur irgendeinen Platz finden, an dem ich stehen bleiben kann...

Nach mehr als zwei Stunden finde ich endlich wieder ein schiefes Camping-Schild und folge einer ewigen Stichstraße Richtung Meer. Worüber ich mich vor ein paar Tagen noch gefreut hätte: ellenlange Sträßchen durch blühende Oleander-Büsche und Niemandsland mit Meerblick am Horizont... ich bin genervt. Und dieser Platz ist mir - nicht zu fassen! - noch unangenehmer, als der vorangegangene! Sauber gefegter Steinboden, hübsch bepflanzte Fenster, Speisekarte der Taverne in vielen Sprachen, Hinweis- und Verbotsschilder in allen Sprachen...und, natürlich: der obligate Zaun zwischen Platz und Strand. Schrei! Ich mag das alles nicht. Ich fühle ganz deutlich: Hier will ich nicht sein. Und zur Verwunderung des Platzwartes drehe ich wortlos vor der Schranke um und fahre die ewige Piste wieder zurück.

Und jetzt ist schon echt spät, die Sonne steht tief und ich beschließe, auf dem nächsten Platz einfach ungesehen zu parken und dann morgen gleich ganz Früh wieder weiter zu fahren. Ich hadere damit, dass ich heute den ganzen Tag unfroh durch die Gegend gekurvt bin, kein Frappé, keine Aus- oder Fernsicht, kein Gegröle, kein Bade-Stopp – einfach kein Genuss...

Dem nächsten Camping-Hinweis folge ich emotionslos. Beim letzten Tageslicht checke ich ohne Besichtigung ein, will mit Franz einfach nur möglichst nah ans Wasser. Der Platz ist riesig, die Camper stehen dicht gedrängt nebeneinander, es haben sich einige Wagen-Burgen gebildet. Ich fahre in Schrittgeschwindigkeit einfach mal geradeaus, präge mir freie Lücken als mögliche Schlafplätze ein – und finde, ich kann es nicht glauben!, einen Platz in erster Reihe direkt am Ufer: links und rechts und hinter mir kein anderes Auto. Das kann nicht sein, wo ist der Haken? Ich parke ein, besehe mir den Platz genauer und juble innerlich! Perfekt! Perfekt, perfekt!

Nach einer herrlichen Dusche hole ich in der Taverne eine Aufback-Pizza und mit einem kühlen Wein sitze ich lange regungslos vor Franz im warmen Sand und gucke einfach nur in den dunkler werdenden Horizont...