Tag 10 : Monemvassia -> Gythio


Straße ohne Namen


Song des Tages: „Near Death Experience“ Andrew Bird


Selbst im Hotelzimmer wache ich meinem eingeschliffenen Tages-Rhythmus bei Sonnenaufgang auf und springe in den Pool. Der nette Hotel-Besitzer bietet mir einen Nescafé an, den wir gemeinsam auf kleinen Schemeln sitzend vor seinem Wohnzimmer trinken. Lange, schweigende Pausen zwischen den paar Brocken Englisch, mit denen wir uns „unterhalten“. Ich finde diesen Moment großartig und fast meditativ: sitzen, lange über das folgende Wort nachdenken, dem anderen immerzu anlächeln, die Sympathie auf beiden Seiten spüren und gemächlich den Tag laufen lassen.

Es wird, so hatten wir am Abend vorher über das Übersetzungsprogramm des Hotel-Computers zu dritt am Tresen der Rezeption englisch-griechisch-deutsch kommuniziert, vormittags bis mittags ein Mechaniker vorbei kommen, der sich meinen Franz mal ansehen wird. Irgendwann wird er kommen, irgendwas wird passieren, irgendwie komme ich weiter. In mir, mit meinem Kaffee-Pott in der Hand im Schatten sitzend, dem väterlichen Fremden neben mir, breitet sich tiefste Ruhe aus, die ich als vollkommenen Frieden empfinde. Es ist alles egal, denn alles wird gut. Erstmal nur auf den Moment besinnen und die Situation genießen. Ich bin nicht allein, denn es gibt einen, der sich um mich kümmert und mit mir friedvoll, schweigend, gut gelaunt Kaffee trinkt. Herrlich.

Gerade als mein Freund mir aus dem Garten eine hübsche gelbe Rose schenkt, brettert der Mechaniker mit seinem BMW auf den Hof, rutscht überraschend dynamisch mit seinem Kugelbauch unter den Bus und bedeutet mir nach einem kurzen Blick, mitzukommen. Ohne viele Worte wird Franz ans Abschleppseil geknotet, ich bekomme den Schlüssel vom BMW in die Hand gedrückt, der Hotelbesitzer muss schleppen, der Mechaniker sich im Franz ziehen lassen und ich zuckle die paar Meter zur Werkstatt hinterher. Franz sehe ich so das erste Mal fahrend: sieht gut aus.

Eine geschlagene Stunde stehen Hotelchef und Urlauberin fast schweigend auf dem Hof der Tankstelle in der prallen Sonne. Immer wieder tätschelt er meine Wange, immer wieder drückt er mich wohlwollend an seine Schulter. Ich find es lustig und grinse ihn an. Ein paar Mal quetsche ich mich zum Mechaniker unter meinen Bus mit in die von dornigen Büschen überwachsene Grube, um zu sehen, wo das Problem liegt. So verstehe ich, dass nur eine schwarze Kunststoffbuchse am Ende des Ganghebels nach oben gerutscht ist. Dem Mechaniker laufen die Schweißbäche in Rinnsalen herunter, aber er werkelt geduldig. Als er die Original-Buchse nicht retten kann, steigt er aus der Grube, wandelt schweigend über den Hof und zerrt aus dem hintersten Gebüsch ein Stück Schlauch. Abgeschnitten, eingebaut und ein paar Minuten, 50 Euro und einer Menge Umarmungen später fährt Franz wieder mit einer laut grölenden Blondine in Richtung Berge. Am Fenster eine gelbe Rose in der Blumenvase.

Die Straße führt mich ins Landesinnere, ich sehe von oben über weite Weite, aber kein Meer zur Orientierung, keine Straßenschilder, keine Abzweigungen Richtung Meer und eigentlich gar keine Richtung mehr. An meinem (bisher unbenutzten Navi) gabs doch einen „Hilfe“-Button mit „Wo bin ich“? Vielleicht kann mich diese Funktion auf dem kürzesten Weg wieder Richtung Küste weisen, bevor ich jetzt auf ewig in den Bergen rumkreuze. Ist nicht verkehrt hier oben, aber ich will doch endlich mal mein Kajak aufs Wasser lassen. Während ich also mitten auf der unbefahrenen Straße im Nichts stehe, schalte ich das Navi ein und frage also den vermeintlich Allwissenden: „Wo bin ich?“ - Ich lache laut los und kann kaum aufhören bei der Antwort: „Ich bin auf Straße ohne Namen, Elika“ Klar, TomTom, bist Du auf Straße ohne Namen, philosophisch, mein Lieber! Ich heiße zwar nicht Elika, aber dann mach ich mir jedenfalls erst mal einen Kaffee. Danke für einen weiteren großartigen Moment der Reise!

Immer noch über die Antwort gackernd, fahre ich doch einfach auf der Straße weiter. Was soll auch die blöde Fragerei, denn alle Straßen führen früher oder später an die Küste, logisch. Ausgenommen Kreisverkehr, den gibt es hier nicht.

Zum Glück finde ich, die Sonne ist schon fast untergegangen, einen Campingplatz am Strand, der OK ist. Ich habe so hohe Ansprüche! Dieser ist mir grad recht, aber ich werde hier so kurz wie möglich bleiben. Den Nachbarn nicke ich freundlich zu, richte mich für die Nacht ein, genieße eine herrliche Dusche, mein Abendbrot und wandere noch ewig im Mondlicht dem hübschen Strand entlang. Aber mich stören die fest installierten Sonnenschirme, die Musik aus der Strand-Bar, die Volleyball-Netze – alles Zeichen der Zivilisation. Ich werde echt sonderbar menschenscheu. Lebe ich doch den Eremiten in mir? Kann ich gut finden, das Bild: mich als sonderbarer Gnom...