Tag 11 : Gythio -> Kokkala


Der traum in türkis


Song des Tages: „So soll es sein“ Ich+Ich


„...So soll es sein, so kann es bleiben.

     So hab ich es mir gewünscht.
     Alles passt perfekt zusammen,

     weil endlich alles stimmt.
     So soll es sein, so kann es bleiben.

     Genau so ist es gut.
     Alles passt perfekt zusammen,

     weil endlich alles in mir ruht.“
                   

Beim Tanken freue ich mich über die D-Mark-Anzeige auf der Zapfsäule und befrage den Tankwart, ob der Reifendruck wohl in Ordnung sein kann. Seit den Bergen ist in jeder Kurve lautes Quietschen zu hören, was meine Musik scheußlich stört und in Kombination mit den Bremsen, die mir (wenn ich ganz ehrlich bin) nicht so ganz geheuer sind, echt beunruhigend ist. Der nette Tankwart misst links, er misst rechts und erklärt mir, dass beide Reifen gleich befüllt und damit völlig OK sind. Super. Danke! Minus mal Minus gibt Plus. Zu wenig links, zu wenig rechts – gute Fahrt! Na gut. Ich nehme mir lachend vor, beim nächsten Tankwart noch mal zu fragen und folge wieder der Steilküste.

Aber ich bin unentspannter. Mein Kopf ist nicht mehr frei, denn ich lausche ständig der Quietscherei und überlege, ob und wie gefährlich es sein kann. Ich fahre noch langsamer als sonst die Passstraßen und bremse möglichst mit Motorbremse (was bei dieser Geschwindigkeit kein Problem ist). Keine gute Fahrt. Ich ärgere mich und überlege, was ich tun kann. Und während ich noch mein (begrenztes) technisches Wissen abfrage: Schock! In einer supersteilen U-Turn-Kurve kommt mir sehr sportlich und knapp ein Kleinwagen entgegen, ich versuche zu bremsen und Franz gerät ins Rutschen... Rutscht quietschend einfach seitlich davon, unbrems- und vor allem unsteuerbar! Gefühlte Minuten bricht mein tonnenschweres Gefährt zur linken Seite Richtung Kleinwagen aus, Richtung Abgrund... Dank der gesammelten Hundertschaft Schutzengel in Kombination mit der beherzten Ausweich-Aktion des Griechen ins knappe Kiesbett hauchen wir aneinander vorbei, unbeschadet, aber mit Herzrasen. Mist. Das war knapp.

Ich fahre, bleich, mit Herzrasen und im Schneckentempo weiter und nehme ungesehen die erste Abzweigung Richtung Strand, sehr froh, erstmal wieder unten am Meer und raus aus den Bergen zu sein. Mit dem Kopf auf dem Lenkrad bleibe ich eine ganze Weile sitzen und versuche das Herzklopfen unter Kontrolle zu kriegen. Als ich den Kopf wieder heben und aus der Frontscheibe blicken kann, bietet sich mir eine Postkarten-Idylle: Taverne mit Tischen direkt am Wasser, blitzblank grün-türkises Wasser, ein fast menschenleerer Kieselstrand in einer traumhaften Bucht. Wow.

Der Tavernen-Besitzer (hmmm, Jack Johnsons griechischer Bruder, wie nett!!) bietet mir an, auf seinem Parkplatz stehen zu bleiben, als ich ihn nach dem nächsten Campingplatz frage und ausgesprochen dankbar lächle ich ihn strahlend an. Ach, herrlich: erstmal nicht weiter fahren zu müssen und den ganzen Tag im Wasser zu verbringen ist eine sehr großartige Idee. Ich wähle den exklusiven 1a Stellplatz für Franz direkt am Strand und mir das hübsch abgelegene Liegeplätzchen direkt am Wasser: So soll es sein, so soll es bleiben!

Die Sonne geht unter, ich ziehe mir meinen einzigen „Ausgeh“-Rock an und setze mich in die Taverne, wo ich mich über einen sehr leckeren Fisch freue. Ich lausche den Gesprächen der Gruppe Engländer am Nachbartisch, gucke dabei übers Meer und fühle mich durch und durch zufrieden mit mir und der Welt. Als die Bedienung zum vierten Mal fragend zu mir kommt und dann offenbar etwas verwirrt das zweite Gedeck wegräumt, wird mir das erste Mal auf dieser Reise bewusst, dass ich alleine sitze. Ich lächle sie an, damit ich ihr bedeuten kann, dass ich mich wohl fühle, dass mir nichts und niemand fehlt. Aber ich bemerke, wie sie mit dem Tavernen-Besitzer über mich spricht, der ihr Franz zeigt. Ob es für alle anderen so ungewöhnlich ist, jemand allein Reisenden zu treffen? Oder ob nur allein reisende Frauen seltsam sind? Ich habe bisher noch kein einziges Mal darüber nachgedacht, wie ich wohl auf andere wirke. Sollte ich das? Ich denke darüber nach, was ich wohl ausstrahle. Eigentlich müsste ich mal jemanden fragen, aber ich rede ja mit niemanden... Bisher bin ich - mit Ausnahme der zwei Abende, in denen ich mit meinem Camper-Kollegen die griechischen Mythologien besprochen und meinem Hotelbesitzer-Freund, mit dem ich vielsagendes Schweigen praktiziert habe - ausgesprochen unkommunikativ und sehr kurz angebunden gewesen. Ich finde es genau richtig so und mir kommt der Spruch in den Sinn: „Endlich Zeit für ein richtig gutes Selbstgespräch.“