Tag 22 : Karpen -> Livadh (nördlich von Himara), Albanien


kopfschütteln


Song des Tages: „The everlasting good“ Jesper Munk


Und dann gibt es die Plätze, die eigentlich super sind, aber die ich ganz gerne verlasse... Trotz erster Reihe-Glück  überwiegt das Gefühl einer schlechten Reihenhaussiedlung: deutsch-österreichischer Hundebesitzer-Schatzi-Wahnsinn auf allen Seiten. Gräßlich! Also gemütlich alles packen, Wlan noch schnell leersaugen und dann weg.

Ich will eine Weile der „Autobahn“ (=Hauptstraße) folgen, weil ich weiter in den Süden will: erst über die etwas unkonventionelle Auf-/ Abfahrt bzw. Parkplatz und Bushaltestellen-Kombination (Foto) freuen und dann von der herrlich ausgebauten Stecke in die Landschaft gucken - ein Auge immer auf der Fahrbahn, denn tiefe Löcher und hohe Schwellen (mit höchstens Schrittgeschwindigkeit zu überfahren!) kommen dauernd daher...

Aber eigentlich war ich heute den ganzen Tag mit Kopfschütteln beschäftigt! Ich habe in meinem ganzen Leben noch NIE so viele bonzige Autos auf einen Haufen gesehen, wie auf der heutigen Strecke. Nein, auch nicht in München! Die Deutschen und Holländer, mit denen ich mich heute kurz unterhalten habe und ich: wir rätseln!! Alte Mühlen fahren wirklich nur vereinzelt, dann gibt es noch ein paar (neue) Puntos, Ibizas, Golfs, Sharans, Opel-Kombis - und der Rest: Maserati (!), Landrover, BMW (gerne Cabrios) und (sicher 70%) Mercedes. WOHER kommt bitte die Kohle? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Honig-/ Gemüseverkäufer mit seinem Strassenstand so viel verdient. Auch nicht einer der Minimarkets/ Minicafés/ Reifenhändler... geschweige denn der Flaschensammler. Aber entweder sind die Mercedes hier unerkannte China-Billig-Plagiate, oder es gibt Stuttgarter Entwicklungshilfe, oder Sonntags wird von 5 Mitfahren das gesamte Ersparte für einen Leihwagen zusammengelegt, oder die Montenegrinerin hat Recht, dass unglaubliche Summen ins Land fließen, weil die Mehrheit des amerikanischen Senats albanischer Abstammung ist - oder es gibt für einen Großteil dieser Bevölkerung Geldquellen, von denen ich nichts (!) wissen will... Irgendwann wurde mir der Strom blanker Nobelkarossen (mit in der Mehrheit 30-jährigen Typen) fast unheimlich!

Der größte Vorteil von dieser Art der Mobilisierung: der Fahrstil ist (vor lauter Angst ums eigene Vehikel) extrem harmlos geworden... und der Straßenbau wird von der Bevölkerung wahrscheinlich stark befürwortet (die fahren echt mit Frontspoilern! Die Bremshuckel sind teilweilse ohne Übertreibung 20 cm scharfkantig hoch... und die tiefste Hürde war bisher ein Graben quer über die (Haupt-)Straße, in dem der Reifen zu 1/3 verschwand).

Um wieder etwas Lebens-Realität zu sehen, "wage" ich einen Abstecher in das Gewühl der unspektulärsten Stadt auf der Route: Fier. Tatsächlich ist es abseits der Hautstraße viel ärmlicher, die Straße wandelt sich zur sandigen Löcheransammlung und ich gerate wieder in eine Sackgasse. Diesmal geht es zum Glück nur etwa 200 Meter rückwärts, aber die Herausforderung sind diesmal die drei streunenden Hunde, die weder ausweichen wollten, noch im Rückspiegel sichtbar waren - ich konnte also nur auf Gehör rückwärts fahren...

Dann kommt Vlore, wieder rein in die Stadt und gucken und staunen über den offensichtlichen Wohlstand: (wie gesagt) teure Autos, großteils neue Häuser, gut gekleidete Menschen überall. Die Cafés sind gut besetzt, ich hätte so gerne für einen Koffein-Schub und eine Pause angehalten - aber nirgends sitzt auch nur eine einzige Frau... Also gespart.
Aber dann: die anschließende Bucht ist gerammelt voll mit schicken (!) Strandbars, teilweise mit Pool. Horden von halbnackten (muskulösen) Männern, halbnackter (eher üppiger) Weiblichkeit und - natürlich - ganz dicken Autos. Das soll Albanien sein, angeblich eins der ärmsten Länder Europas? Mein Staunen findet gar kein Ende... immerhin gibts hier endlich einen Kaffee für mich. Ich komme mir mit meinem (zugegebendermaßen etwas ollen) Sommerkleidchen etwas underdressed vor, denn am Nachbartisch flätzen sich junge schicke Frauen im Lounge-Sofa, die sich über ihre Handtaschen unterhalten und dann über die entfernt Sitzende mit Stirnband lästern... Also, wie überall. Und zahlen kann man selbstverständlich mit Euro (statt der Landeswährung Leke)! Befremdlich, das alles.

Direkt im Anschluß ans mondäne Strandleben folgt der LLagora-Pass, erst kürzlich geteert. Ich hätte nicht gedacht, dass er so steil ist, immerhin ist das die einzige Verbindungsstraße nach Süden weit und breit. Am Straßenrand stehen entweder Honighändler, oder rauchende Besitzer rauchender Kühler oder kotzende Menschen - denn kurvig ist gar kein Ausdruck!
Tja, aber der Franz... auch wenn die Temperaturanzeige deutlich im höheren Bereich schwingt: mein nagelneuer Kühler (Danke Reinhard, nochmal!) lässt mich völlig sorgenfrei aufwärts schleichen (ich würde sagen etwa 15 - 20%ige Steigung)! Trotzdem kriegt Franz ganz oben natürlich eine schöne Pause (mit Aussicht) und bergab geht es ganz langsam mit Motorbremse.

Ich bin jetzt über 6 Stunden gefahren, ich hatte kein Mittagessen, ich hab genug gesehen und mich genug gewundert, ich bin völlig durchgeschwitzt - und ich finde (kurz vorm Nervanfall) einen tollen Platz! Dieser ist ganz nach meinem Gusto: Begrüßung per Handschlag, erste Reihe mit Blick aufs Meer, 7 Euro die Nacht, tolle Dusche im Holzverschlag und zur Begrüßung bekomme ich einen Sack Kartoffeln aus dem Gemüsegarten...
Also gibt es zum Abendessen: kroatische Zwiebel, montenegrinische Tomate, geschenkte Kartoffeln und die geschenkte Zucchini von der Gemüseverkäuferin (der ich gestern am Strand Obst abgekauft habe) - garniert mit griechischem (importierten) Schafskäse in italienischem Olivenöl. Hmmmm...