Tag 13 : Pärnu -> Tallinn -> Toila, Estland


Strecke machen


Song des Tages: „Chaka Demus“ Jamie T




An diesem Punkt der Reise weiß ich, dass die zweite (noch nicht angebrochene) Gasflasche garantiert bis zu Hause reichen wird - und so gehe ich völlig hemmungslos mit dem Gas um... Meine neue Einstellung zur persönlichen Energiekrise bedeutet einen Innenraum mit Wohlfühltemperatur und damit endlich den Fleecepulli und Schal aus lassen zu können. Wenn allerdings der Herd (bzw. meine Heizung) wieder aus ist, dauert es nur etwa eine halbe Stunde, bis sich die Wärme durch alle ungedämmten Fenster verzogen hat und wieder Aussentemperatur herrscht. Aber egal: bisher hat es sich gut aushalten lassen und hier oben ist es sowieso deutlich wärmer als die letzten Tage.

Nach dem Abfahrtsritual sause ich wieder durch ewigen Wald bis Tallinn. So toll soll diese Stadt sein, sie wird als der „Stolz der Esten“ bezeichnet. Zuerst fahre ich planlos in die Stadt ein, ich will mich - wie immer - erst einmal durch die Straßen treiben lassen und mir die „Normalität“ ansehen, bevor ich mich zum Touristen-Hotspot begebe. Die Strategie, sich durch Nebenstraßen zu lavieren, hat sich sehr bewährt und zeigt mir immer das wahre Gesicht.

Es ist nicht so, dass es dauernd passiert, aber das ein oder andere Mal wird mir, bzw. mir und Franz (die Kombi macht‘s) ganz fröhlich zugegrinst - aber noch bevor ich in Tallinn Mitte bin, haben mir etliche Esten Daumen hoch gezeigt oder Victory bedeutet und gelacht... Offenbar kommt das hier wirklich seltene deutsche Kennzeichen dazu, um respektvoll und freudig auf unser Erscheinen zu reagieren? Lustig!

Ich finde die Balten jedenfalls immer sympatischer... auch die Tatsache, dass sie an den Zebrastreifen ganz selbstverständlich anhalten, oder ältere Damen höflich über die Straße bitten - ganz anders als ich es vor ein paar Monaten in Montenegro erlebt habe, wo ich gewarnt wurde, am Zebrastreifen zu halten, weil ich sonst einen Auffahrunfall riskiere. Entspricht eher meiner Fahrweise, die baltisch/deutsche.

Das Wohngebiet rund um die historische Altstadt wirkt gemütlich auf mich. Nicht reich, nicht besonders gepflegt - aber licht und weit, sauber und einfach ehrlich. Vielleicht sind es diese Holzfassaden, die sich so charmant geben?
Der Stadtkern... Ja, mei: nice to see, aber für meinen Geschmack zu austauschbar. Ich komme nicht drauf, an welche Stadt mich dieser mittelalterlich-gotische Stil mit seiner Unmenge an Touri-Restaurants und Andenkenshops erinnert - ist auch egal. Ich streife kurz durch die Gassen und etwas länger durch die tollen Nebengassen, bevor ich lieber wieder das Weite/ Neue suchen will. Trotzdem würde ich mich gerne auch hier mal intensiver umsehen, damit ich all die interessanten Hinterhöfe und Museen besichtigen kann. Heute reicht es nur für einen Kaffee (3.50 Euro - damit mehr als doppelt so teuer, wie überall anders bisher) auf dem Rathausplatz.

Zurück auf die herrlich ausgebaute Autobahn Richtung Osten/ russische Grenze. Durch den Wald getanzt bei konstanten 90 km/h und schon steuere ich (endlich mal mit kurzem Blick auf das Meer) den Campingplatz an, der auf der Karte als der letzte vor meiner 90° Kehre Richtung Süden verzeichnet ist. Gefunden: geschlossen. Mist, denn es ist kurz vor Dunkelheit und das macht mich immer etwas unentspannt.

Bevor ich jetzt schlecht gelaunt auf unbeleuchteten Straßen herum kreuze, nehme ich mir kurzentschlossen ein sehr nettes Zimmer in einem ausgesprochen romantischen Hotel. Riesenbett, Fußbodenheizung, ultraschnelles Wlan (selbstverständlich ohne Passwort: Standard bei den Esten!), Tee und Kaffee auf dem Zimmer, Riesenbad... Alles richtig gemacht!