Tag 16 : Kaliningrad, Russland


Interessant unsympatisch


Song des Tages: „Soldiers eyes“ Jack Savoretti


Mehr über den
Campingplatz am Hotel Baltica

findest Du auf meinem Blog
Cool Camping Wohnmobil


Wunderbar: die Sonne scheint! Beim Kaffee im Hotel nutze ich das freie Wlan und mache mich so schnell ich kann fertig, um mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren - Ernie muss natürlich mit. Da ich keinen Stadtführer besitze und das Hotel keinen Stadtplan rausrückt, habe ich überhaupt keine Idee, wo ich hin soll. Also lasse ich mir von der Schaffnerin das Ticket geben (18 Rubel, umgerechnet ca. 30 Cent) und steige einfach aus, als ich die erste goldene Kuppel hervorspitzen sehe - hier wird ja wohl irgendwo der Touristen-Hotspot sein...

Ab jetzt heißt es wach im Kopf bleiben, damit ich wieder zurück finde, denn lesen kann ich echt gar nix... Mir gefällt dieser Zustand: Ich bin echt wieder mal nur auf die Sonne und meine Kompass-Nase angewiesen und darauf, dass ich mich ganz bewußt bewege, immer klar bleibe, wo ich bin, wo ich her komme...

Und als erstes tappe ich in die Markthallen: großartig. Hier gibt es alles! Ladenzeilen von Taschen und Schulranzen, Süßigkeiten und Plätzchen, Gemüse natürlich, Fisch und Fleisch, Kosmetikartikel, Klamotten und Jogginghosen aller Farben, Orden und Uniformen, Dessous und Perücken! Begeistert sauge ich alles auf und ich wundere mich dabei, dass die Händler quasi stumm und reglos in ihren Buden sitzen, statt die Vorbeilaufenden anzusprechen.

Angesichts der Tristesse dieser Stadt überlege ich, nur kurz zu bleiben und dann weiter nach Litauen zu fahren. Andererseits bin ich fast sicher, dass ich Kaliningrad nicht mehr so schnell besuchen werde - also nutze ich die Gelegenheit (wenn ich schon mal hier bin) mich richtig umzusehen. Mit dem Radl komme ich ganz gut voran, kann wieder einen großen Radius abfahren, wobei ich sicherheitshalber (wie die wenigen anderen Radler, die ich sehe) lieber auf dem Bürgersteig bleibe. Nach diesem Tag weiss ich allerdings, dass mein Klapprad auch bestens für Downhill-Trails geeignet wäre: also, der Zustand der Straßen/ Trottoirs ist schon echt sehr (!) abenteuerlich/ sportlich...

Zufällig stoße ich auf ein paar Touristen-Highlights: eine tolle orthodoxe Kirche (darf ich nur mit geliehenem Kopftuch betreten), ein Leuchtturm mit dazugehöriger Disneyland-Atmosphäre am (dreckigen) Fluss, eine alte Brücke mit den obligatorischen Liebes-Schlössern, eine sehr alte Kirche (deren Eintritt mir zu hoch ist) - und das Bunker-Museum. Nach diesem hätte ich echt als letztes gesucht, aber wenn ich schon quasi drüberstolpere, gehe ich halt auch rein... und komme mit Tränen in den Augen raus. Eine gelungen gemachte Gedenkstätte für die Grauen des so sinnlosen Krieges: ich bin ganz berührt (und vergesse darüber meine Verwunderung über den Verkauf von Patronen-Schlüsselanhänger).

So klappere ich den ganzen Tag durch die (meist kleineren) Straßen und bin erstaunt, wie unglaublich unsympathisch diese Stadt ist. Gleichzeitig bin ich mir im Klaren, dass Danzig (München/ Dresden...) ebenso ätzend wäre, hätte die Nachkriegsgeneration nicht so viel Wert auf die Erhaltung des Alten gelegt, was hier definitiv versäumt wurde. Kaliningrad ist so trist, wie eben nur nicht gewachsene Städte sein können. Und dazu völlig ohne Charme, weil diese Bauten halt keine Patina bekommen, sondern einfach nur hässlich verfallen. Unsympathisch - aber genau deswegen (für mich) interessant.