Tag 24 : Insel Kihnu -> Tallin, Estland


Zurück in die Realität


Song des Tages: „garota“ Erlend Øye (Danke, Franzi! Danke, Claus!)


 


Es ist so unglaublich still. Unglaublich, aber nicht unheimlich! Es ist einfach nur: Nichts. Ein wenig plätschert die Ostsee, sanft raschelt die Brise mit den Gräsern, hier und da tönt ein Vogel... und sonst Stille. So mag ich das!
Ich kann ewig auf einem Stein sitzen und aufs Wasser gucken, mein Sonnenuntergangs-Ritual erstreckt sich über Stunden. Harmonie.

Nach der wunderschönen Sonnenaufangsshow (bin extra früh aufgestanden dafür!) frage ich mich, wieviele Tage ich hier so leben könnte, ganz allein? Ich glaube lange! Aber so wie heute ganz ohne Strom (meine Batteriepack ist leer und Franz gibt Strom nur an USB-Stecker, d.h. immerhin Handy). Ich bin also ohne Beschäftigung/ Arbeit... wie lange könnte ich mich so glücklich fühlen? Wirklich tagelang nur sitzen und nichtstun. Im Moment erscheint es mir nicht machbar - zu sehr bin ich unter Strom des Tuns, aber ich sollte es unbedingt mal ausprobieren! Hier wäre eine tolle Stelle für den Test, denn hier fühle ich mich absolut geborgen! Hier, zum Leuchtturm will ich wieder kommen!

Ich trenne mich so extrem ungern, aber ich muss weiter... Die Fähre fährt immerhin dreimal pro Tag, also nehme ich die am Nachmittag zurück, so dass ich mir noch ganz in Ruhe die Miniinsel ansehen kann. Die ganzen 6 km Länge durchfahre ich kreuz und quer, finde einen moosigen Wald, der mich vor Barfuß-Glück fast platzen lässt, steige am (leeren) Campingground nochmal in die frische Ostsee und denke beim Anblick der so abgelegenen Höfe sehr darüber nach, wie es wohl ist, hier aufzuwachsen, Jugendlicher zu sein, jemanden zum Familiegründen zu finden... Krasse Vorstellung: aber wie das schöne Museum zeigt, praktizieren das schon Generationen (freiwillig) hier...

Auf dem Festland entscheide ich, mir einen Platz am Strand der Westküste zu suchen. Die Campingplätze (die es in dieser Gegend eh kaum gibt) sind geschlossen, also bleibt mir nur ein weiterer „wilder“ Platz. Als ich, rechtzeitig zum Sonnenuntergang, einen duften Stellplatz finde und den Weg abgehe (um zu prüfen, wie sandig/ befahrbar es hier ist), überfallen mich Milliarden Mücken: schnell weg!! Nein, trotz super Aussicht... das halte ich nicht aus. Mist, ich ärgere mich sehr, denn jetzt muss entschieden werden: einen Platz werde ich vor Sonnenuntergang nicht mehr finden und das heißt, statt gemütlichem „Feierabend“ am Strand die ganze Strecke nach Tallin zu sausen. Schlechte Laune.

Immerhin finde ich den Campingplatz am Yacht-Hafen gleich, ziehe mir das erste Mal auf dieser Reise meine Jacke an und gehe im Dunklen, Kalten noch eine kleine Runde durch die Boote - was für eine fiese Vertreibung aus dem Paradies in die Realität.