Tag 26 : Kurz vor der Grenze -> St. Petersburg, Russland


Mal was anderes


Song des Tages: „Simple“ Tom Klose (Danke, Susann!)


Mehr über den Campingplatz
mitten in St. Petersburg
findest Du auf meinem Blog
Cool Camping Wohnmobil


Ich komme später los als ich wollte, aber obwohl ich immer so früh aufwache und mich direkt nach dem Müsli an den Rechner setze, brauche ich einfach lang, um ein Stück weiter zu arbeiten.

Es ist tasächlich Herbst: es ist kühl, es regnet und ich sehe die ersten gelben Schimmer auf den Bäumen. Schade, denn der Sommer hat mich echt so fröhlich gestimmt, jetzt finde ich es ein wenig anstrengend, zu fahren. Also laut Musik, dann geht‘s besser. Narwa ist die letzte Stadt auf estischer Seite, die offenbar um die Grenzanlagen drumherum gebaut wurde. Fast trotzig stehen sich zwei Burganlagen gegenüber: diesseits vom Fluss Estland und auf dem anderen Ufer Russland. Und so triste wie das Wetter, sind auch die Stadt, die Menschen, die Wartebereiche der Grenze... passt aber irgendwie alles zusammen.

Und es ist nicht zu fassen, doch es dauert hier noch länger, nach Russland zu kommen: geschlagene drei Stunden! Und was mich wirklich den Kopf schütteln lässt: 8 (!) Mal werden alle (!) Papiere supergenau (!) kontrolliert und 3 Mal muss ich alle Türen öffnen... gibts doch nicht. Das letzte Mal ganze 50 Meter nach dem vorletzten Mal. Was genau kann ich in den 50 Metern geändert/ zugeladen haben? Immerhin sehe ich so harmlos aus, dass sie bei mir den Drogenhund lieber die Tauben jagen lassen... Aber alle grantig und garstig. Mittendrin überlege ich schon kurz, einfach wieder umzudrehen, wenn sie mich nicht haben wollen. Also, echt eine nervige Zeitverschwendung. Aber als ich endlich von der Grenze wegrolle, sehe ich eine kilometerlange Schlange von LKWs, die nach Estland (zurück) wollen. Sicher 3 oder 4 Kilometer stehen die am Straßenrand. Wenn ich, die vielleicht 7 Autos vor mir hatte, 3 Stunden gebraucht habe und nichts zu verzollen hatte... Mann, die tun mir echt leid!!

Also, alles gut, dann bin ich mit 3 Stunden sicher super weggekommen! Weil ich so doch spät dran bin und es dazu stark regnet, spare ich mir den eigentlich geplanten Umweg an die Küste und fahre direkt nach St. Petersburg. Ich weiss ja auch nicht, ob ich den anvisierten Campingplatz mitten in der Stadt gleich finde. Mein Navi hat keine russischen Karten, also muss ich kurz vor St. Petersburg auf Google Maps umsteigen und ärgere mich schon wieder darüber, weil diese online Navigation nur mit (stark verzögertem) Bild und ohne Ton einfach nicht gut funktioniert und nur nervt. Trotzdem finde ich (mit drei U-Turns und mehreren unverschämten Spurwechseln) durch den Feierabendverkehr kämpfend die Adresse und bin kurz sehr (!) genervt. Es ist fast 19 Uhr, ich habe saumäßig Hunger, ich will duschen und bin echt müde - aber hier ist wirklich kein Schimmer von Campingplatz zu sehen. Ich steige aus, suche, sehe wirklich nichts. Feuerwehrstation, halb verfallenene Häuser, renovierte Kirche - kein Camping. Ich recherchiere online nach dem nächstmöglichen Platz: 1 Stunde bis dorthin, weil überall Stau. Also gehe ich zu einem Feuerwehrwachmann, der fragt seinen Kumpel (beide ohne Englisch), aber der nickt, als ich ihm das Foto zeige, steigt ins Auto und lotst mich 300 Meter zurück, in den Hinterhof der Kirche, zu einem Garten des „Kulturzentrums“. Ich finde es lustig, der wachhabenden Frau völlig ohne Englisch verständlich zu machen, dass ich hier bleiben will. Sie telefoniert, jemand wird in 10  MInuten kommen. In dieser Zeit überlege ich krampfhaft, ob ich in diesem seltsamen Garten wirklich übernachten will und überlege Alternativen. Aber irgendwie fühlt sich das hier ganz gut an, Vera wacht wohl die ganze Nacht, es ist relativ ruhig, Gregori („I‘m the technical director“)  schliesst mich durch ein Bad-Fenster an den Strom an: alles perfekt! Und schließlich fahre ich doch nicht fast 4.000 Kilometer, um dann auf einem popeligen Standard-Platz oder gar in einem Hotel (hab ich auch kurz drüber nachgedacht!) zu bleiben... Irgendwann muss es ja auch mal ein bißchen anders sein, oder?

Und dank der praktischen Bierhalter-Zusatzausstattung des guten Franz kann ich mich - nach dem zufälligen Gottesdienst-Kurzbesuch in der Kirche vorne (zum Glück hatte ich einen Schal an, das ich als Kopftuch umfunktionieren und mich damit unter die Damen mischen konnte) - mich vom krassen Weihrauch-Nebel etwas auslüften und das wohlverdiente Feierabend-Bier genießen...