Meine Reise 2014 : Stehen & Denken


3 wochen, 4 länder, extrem gechilltes reisen --- allein, nachdenklich & froh


Deutschland -> Österreich -> über die Tauernautobahn -> Italien -> per Fähre von Ancona nach Patras

-> Griechenland -> Patras -> per Fähre nach Ancona -> Italien ->  Österreich -> Deutschland


In diesem Jahr habe ich mir etwas Hartes vorgenommen: so lange an einem Platz stehen zu bleiben, bis all meine Lebensthemen durchdacht und die Lebensfragen (so weit es eben geht) beantwortet sind. Ein fies schwieriges Unterfangen, aber dank meinem Franz-Nest hat es geklappt.



Tag 01 : München -> Café Dinzler -> Übersee am Chiemsee


Absprung geschafft!


Song des Tages: "Rückenwind" Thomas D.


"Wir müssen das Ändern leben."

Rilke


"... spür die Freiheit in mir,

     denk: das ging aber schnell.

     Bleibe besser im Hier

     denn es gibt kein Zurück

     und alles was ich brauch,

     ist mein Auto und Glück..."

 


 

Puh - geschafft!

Wenn SchwestA mich nicht zum Dinzler "eskortiert" hätte, wäre ich vermutlich aus Bequemlichkeit noch eine Nacht daheim geblieben, denn nach Kinderverabschiedung, Putzen und Packen war ich echt matt. Aber der Ratsch im Dinzler hat mich rausgelockt!

 

Schön lang gemütlich Kaffee getrunken und dann der eigentliche Start der Tour: es ist so unglaublich herrlich, den Irschenberg runter zu sausen! Nachdem es ja schon fast 18 Uhr war, wollte ich nicht mehr weit und habe darauf vertraut, dass am Chiemsee sicher irgendwo Campingplätze zu finden sind.

 

Recht gehabt: nach deutscher Manier ist der Platz perfekt ausgeschildert, organisiert, sauber,  gepflegt und angenehm leer. Feierabendbier in der Abendsonne, Genuss!




Tag 02 : Übersee am Chiemsee -> Spina, Italien


On my way - again.


Song des Tages: "Auf und davon" Caspar


"...und heute bin ich aufgewacht,

    Augen aufgemacht,

    Sonnenstrahlen im Gesicht,

    halte die Welt an:

    Auf und davon!

    Auf und davon!

    Auf und davon..."

Auf und davon!

Was n grandioses Gefühl, mit Franz Richtung Süden zu brausen!!

Auch wenn die (zum dritten Mal) reparierte Manschette des Ganghebels schon in Undine wieder rausgeflogen ist ("Das hält für immer!" sagte der Münchner Lehrbub noch...) und ich zum Schalten wieder kräftig rühren muss, um den richtigen Gang zu treffen... Egal: Franz fühlt sich so irgendwie "richtiger" an, gewohnter...

 

Campingplatz - wie in Italien nicht anders erwartet (Sorry, Italienfans!) extrem übel (für meinen Geschmack)! Zu riesig, zu voll, zu superlaut, total zu eng gestellt, Zäune um Dauercamper, lärmende Baustellen, vom Meer nicht mal ne Ahnung (geschweige denn Sicht) und Mückenalarm. Dafür Bus-Shuttle zum Strand, Gartenzwerge in allen eingezäunten "Vorgärten" und überall Verbot-Schilder... argh.

Aber für mich gibt´s auf Nachfrage ("A really, really, really calm place, please!") den besten Platz am Platz:

am Rand der unbelegten Zelt-Geisterstadt, neben Müllcontainern und Wohnwagen-Friedhof: totale Ruhe und Frieden!

 

Beim Glas Weißwein entscheide ich: es geht nach Griechenland, schnellstmöglich! Und dieser Gedanke fühlt sich so richtig und sehr wunderbar an!

 



Tag 03 : Spina -> Ancona, Italien -> Fähre


Die Reisende


Song des Tages: "Road to Mandalay" Robbie Williams


"Entspanne Dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt, sie ist so schön."

Kurt Tucholsky


Die Road des Tages führt mich Richtung Sommer!

Festgestellt, dass das Navi schön aufgeräumt daheim in der Schublade liegt - find ich gut! So orientiere ich mich noch vertrauensvoller nach der Sonne und meinem Gefühl. Schön!

 

Endlich fühle ich mich wieder wie eine Reisende. Mit dem (etwas kitschigen aber großartigen) Abfahrts-Ritual-Song der letzten Reise (von Niki's Mix-CD) im Dauerloop packt mich das schöne Reise-Fieber und ich genieße die Fahrt: mit 110 Sachen hinter einen leeren Reisebus geklemmt, im Windschatten cruise ich (immer wieder von zwei netten Harley-Fahrern angegrinst) rasant runter nach Ancona, wo ich hoffe, die Fähre zu erwischen...

 

...klappt!: direkt einreihen in die Warteschlange und erstmal einen schööönen Cappuchino machen, während ich auf die Fähre warte.

Rauf aufs Parkdeck, einparken, Strom ankabeln, schönen Sitzplatz im Freien suchen, Laptop an, arbeiten: muss fertig werden. Und sonst gibts hier echt nix zu gucken, ausser dicken Fernfahrern, dick eingemummelten Familien auf Luftmatratzen in allen Ecken und dicken Fleischstücken in fieser Sauce beim Buffet.



Tag 03 : Patras -> Kato Alissos, Griechenland


Welcome back - ich war doch grad gestern erst hier!?


Song des Tages: "There she goes" Babyshambles


"... There she goes, a little heartache
      There she goes, a little pain
      Make no mistake,

      she sheds her skin like a snake..."

Auf dieser Fähre ist "Camping on board" verboten, aber in der Nacht habe ich mich heimlich durch die Reihen der geparkten Camper zu Franz geschlichen (vorletzte Reihe, Mitte!), weil ich keinen (!) Bock hatte, mich zu drei muffelnden und kichernden Gören in eine Kabine zu zwängen... So wie ich das allerdings später angehört hat, haben sich die netten griechischen Jungs und das holländische Paar neben mir auch nicht an das Verbot gehalten... Erwischt wurde ich dann heute Früh vom Elektriker. Nett angegrinst, nett geplaudert - alles gut.

 

Nach dem ersten Anlege-Stop in Igoumenitsa ziehen Wolken auf, fetter Sturm sprüht die Gischt über das Deck, weswegen ich meinen Arbeitsplatz nach innen verlegen muss, um mich (neben 'nem jugendlichen Nerd) an eine der beiden einzigen Steckdosen an Bord zu hängen: Da sitz ich also, vor mir mein Laptop, direkt über meinem Kopf die Kante des Großbildschirms, face-to-face zu etwa 30 Truckern, die sich über eine irrsinnig komische (und ebenso laute!) Soap beömmeln. Ich lache innerlich sehr über dieses schönes Bild!

 

An Land. Diesmal nicht links, sondern rechts abbiegen und Griechenland bewölkt, sehr schwül und stickig vorfinden... kenn ich so nicht. Der Supermarkt-Kassierer auch nicht und offenbar ist es ihm ein bisschen peinlich, denn mit langen Worten beschwichtigt er mich, die (blasse) Touristin, dass es very sure very soon very nice sooo very nice werden würde... Na, dann...


Ziemlich schnell findet sich ein Campingplatz: keine Sicht auf's Meer, dafür schön leer, schön wild, usselig und frei. Abgewrackte Duschen (mit herrlich warmen Wasser!), chaotische Stromleitungen, Klos ohne richtige Tür: Welcome back!! Ich freu mich so, wieder hier zu sein!




Tag 05 : Unter der Markise in Kato Alissos, Griechenland


Süden light - und dahoam!


Song des Tages: "Rain" Terence Trent D'Arby


"...Rain, Rain, go away, go away..."

 

Ah: Mein heutiger Ohrwurm-Song hat gewirkt!

Nach stundenlanger Tröpfelei, die ich arbeitend unter der Markise verbracht habe, fing rechtzeitig

zur Fertigstellung des über 100-seitigen pdfs der richtige Regen an. Rückzug zum (in meinen Augen verdienten) Mittagsschläfchen in Franz, herrlich - und danach bei Sonnenschein das erste Mal runter zum Strand, eine Runde spazieren. Ich grinse jeden vor seinem Haus Sitzenden freudig an und

fühle mich dabei richtig heimatlich.

 

Und ich liebe dieses olle, verwitterte, schäbige! Ich liebe diese Farbkombis, die lässige Art, Dinge so sein zu lassen, wie sie sind, einfach, weil es so passt.

 

Die Sonne ist gleich wieder verschwunden, temperaturmäßig fühle ich mich wie im Norden - wären da nicht die Orangen im Baum neben mir, die unglaublich schönen Olivenbäume rundrum, das (noch sehr vereinzelte) Grillengezirpe und das (dafür unüberhörbare) ewige Hundegekläffe... bin ich doch richtig, hier, dahoam.

 



Tag 06 : Kato Alissos -> Melissa Beach, Griechenland


Back to paradise


Song des Tages: "Burning" The Whitest Boy Alive


"...So many people telling me one way

    So many people telling me to stay

    Never had time to have my mind made up

    Caught in a motion that I don't wanna stop..."

Der erste griechische Frappé an der Strandbar:

geschenkt vom reizenden Barmann.

 

Der zweite Frappé im Irgendwo:

Genuss mit dieser Aussicht... ich dreh durch vor Glück!

 

Plus:

eine traumhafte Fahrt über steile, staubige Schotterpiste, komplett ohne Ahnung wo, wohin, wie lang... Großartig.

 

Und damit nicht genug:

Ich stehe - nach 11 Monaten - wieder exakt auf meinem Platz.

Ich hab ihn mir so sehr gewünscht!!

Back to paradise.




Tag 07 - 17 : Ich im Paradies!


Versteckt, allein und im Glück


Song aller Abende: "Der Tag am Meer" Die Fantastischen Vier


"Tanze. Lache. Liebe. Sehne. Suche. Finde. Fliege. Fühle. Träume. Vertraue. Verliere Dich. Erlebe. Erliege dem Leben."

Dorothea Teves


"... denn nach dem Öffnen aller Türen

      steht am Ende der Trick

      des Endes der Suche

      durch das Finden im Augenblick ...

 

.... du spürst die Lebensenergie,

     die durch Dich durchfliesst,

     das Leben wie noch nie in Harmonie

     und geniesst:

     es gibt nichts zu verbessern,

     nichts, was noch besser wär,

     ausser Dir im Jetzt und Hier

     und dem Tag am Meer... "

 

Der Plan war, so lange stehen zu bleiben (was für eine Reisende echt eine harte Prüfung ist!), bis alle meine Themen fertig durchdacht sind.

Stehen bleiben und denken.


Keinen Kontakt zu niemandem (ausser der sehr süßen Oma Platz-Chefin, die mir das tägliche Brot verkauft), also komplettes Schweigen und nur für mich sein: denken, sitzen, denken, gehen, denken, schwimmen, denken, Sonnenuntergang mit nichtsdenken ...

 

Es war richtig, hierher zu fahren!

Super richtig, hier zu bleiben.

Es hat sich gelohnt!

 

Danke, Paradies!

Danke, Fantastischen Vier für jeden Abend diesen Song im Sonnenuntergang!




Tag 18 : Paradies -> Patras -> Fähre


Kurzer Prozess ist besser als langes Leiden!


Song des Tages: "Sinister Kid" The Black Keys


Am gestrigen Abend, den ich als meinen letzten bestimmt hatte, wurde ich durch die Platzhirschen-Rentner-Gang "zwangs-eingemeindet". All die Tage bin ich ihnen sehr (!) kurz angebunden aus dem Weg gegangen - gesten haben sie es nicht mehr ausgehalten, dass ich allein an der Bar mein Fußball-Bier trinke...

Beim Ouzo-Kampftrinken (bis fast 5 Uhr) hatte ich mir noch einen super Campingplatz in den Bergen erklären lassen und bin auch am nächsten Morgen/Mittag (nach mehreren Zironen, Aspirin, einem langen Spaziergang und laaangsamem Aufräumen) eine dreiviertel Stunde engagiert in diese Richtung gefahren - aber dann (typisch ich) kurz entschlossen bei der nächsten Möglichkeit doch nach Norden abgebogen und direkt nach Patras gecruist.

Hafen, Ticket, Fähre, weg = besser, als sich trauernd vom Paradies, vom Meer und von Griechenland zu verabschieden....!

 

Der 4:0 Abklatsch-Sieg über die Portugiesen zwischen meinen Trucker-Kumpels geguckt (ein kleines Bier ging gerade so wieder rein), ein letzter, sehr wehmütiger Blick auf Land und ab in die Franz-Heia mitten zwischen den riesen Trucks - schunkelnd zurück nach Italien.



Tag 19 : Ancona, Italien -> Irgendwo im Nirgendwo


Zurück in der Realität: schnell weg!


Song des Tages: "No you girls" Franz Ferdinand


Damit mir der Abschied von meinem freien, wunderbaren, griechischen Leben nicht gar so schwer fällt, mache ich gleich den absoluten Cut und fahre das Kontrastprogramm auf:

raus aus der Schunkel-Fähre und hin zum nächstbesten Stellplatz zwischen Schnell-Bahnstrecke, Schnell-Straße und Schnell-TakeAway am betonierten Strand. Uargh... Was für ein Horror für mich - aber der Platz voller Italiener, die zufrieden neben ihren Geranien und Riesen-Grills sitzen.

 

Egal: den Abend bei kostenlosem WiFi an der "Beach"Bar verbracht, zum Glas Wein krieg ich eine riesen Beilage von Chips, Nüssen und Kringel -

und die Wellen des heranziehenden Gewitters übertönen wenigstens die Züge... Auch im Grauen kann es schön sein!!

 

Schnell Ohrstöpsel rein, schnell schlafen und morgen schnell weiterfahren...



Tag 20 & 21 : Italienischer Betongraus -> Mittenwald -> München


Gechilltes Heimcruisen


Song des Tages: "zeit fia ois" django 3000


"Ich bin Müßiggänger und lade meine Seele zu Gaste. Ich lehne mich an oder schweife umher nach meinem Behagen und betrachte einen Halm des Sommergrases."

Walt Whitman


"....I bleib mei Lebn lang frei,

     I hob mei Lebn lang Zeit fia ois.

     Werds bucklad aufm Weg,

     muasst mittn do hi geh!

     Wer woass, was ois versamst,

     wennst steh bleibst und grad dramst...."

Aus dem grauen Italien ganz gechillt rein ins bavarisch-gemütliche Voralpenland.

Mein altes, geliebtes Mittenwald empfängt mich mit der hoch aufgeladenen / schön

traditionellen Fronleichnamsprozession und beglückt mich mit einem wunderbar einsamen inoffiziellen Stellplatz am See.

 

Hier lasse ich mich in völliger Ruhe auf dem klarsten Wasser treiben und danach im nahen Gasthof beim Semmelknödel vom Stammtisch lautstark beschallen.

 

Jetzt ist alles gut.

So gechillt kann ich beglückt und aufgetankt und total froh wieder laut grölend nach Hause fahren...

Ist das ein Leben!




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